Erasmus Zöckler, Ihr sollt leben!

 Cover Erasmus ZöcklerErasmus Zöckler, Ihr sollt leben! Theodor Zöckler: Gründer des einst größten Hilfswerks im Osten Europas, Verlag des Gustav-Adolf-Werkes e. V. (GAW) Leipzig, 299 S., 10.-- €, ISBN 978-3-87593-116-7

 Der Enkel des aus Pommern stammenden „Vaters der Galiziendeutschen“ Pfarrer Theodor Zöckler (1867-1949) legt unter einem griffigen Titel mit einem etwas langatmigen Untertitel ein keinesfalls langweiliges Buch über seinen Großvater vor. Der Vf. Der Name Zöckler steht in der Geschichte der evangelischen Diaspora hoch im Kurs. Die Erinnerung reicht über die Geschichte Galiziens hinaus in die der Diakonie und frommen Kirchlichkeit der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Das Buch lässt die tägliche Arbeit in Stanislau plastisch werden. Es ist weit mehr als eine Biografie, keinesfalls nur eine Lobeshymne auf das unbestritten eindrucksvolle Lebenswerk Zöcklers, seiner Frau, der Mitarbeiter und Unterstützer. Erasmus Zöckler führt den Leser treffsicher in die historischen Voraussetzungen der deutschen Zuwanderung in das seit der Ersten polnischen Teilung zu Österreich gehörende Kronland. Nicht wenige der deutschen Siedler kamen vom Oberrhein. Im habsburgisch regierten Winnweiler existierte eine kaiserliche Anwerbestelle. Parallel dazu verlief die Auswanderung aus der Pfalz in die Bukowina, deren nach 1945 gegründetes Hilfskomitee de jure weiter in Patenschaft zur Pfälzischen Landeskirche steht.

 


 Im Laufe des 19. Jahrhunderts drohte den meist bäuerlichen deutschen Zuwanderern die Assimilierung, d.h. Polonisierung; die für deutschstämmige Katholiken oft eintrat. Protestantischerseits bestand nicht nur die Not einer kirchlichen Diaspora; das Dilemma fehlender Schulen und Deutschunterrichts wog schwer. Daneben grassierte die soziale Not z.B. der Waisenkinder quer durch alle Volksgruppen. Sie wirkte sich unter den Protestanten besonders gravierend aus. Kein soziales Netz fing sie auf. Die wenigen katholischen Waisenanstalten konnten die Aufgaben kaum erfüllen. Der Vf. beschreibt die politischen Zerklüftungen im Völkergemenge des historisch auch Rotrußland genannten Landstrichs bar jeglichen nationalen Pathos. Das wiedererstarkte Polentum stieg Ende des 19. Jahrhunderts zur führenden politischen Kraft auf, eine selbstbewusste Größe im morschen Gefüge der Habsburger Monarchie. Polnische Katholiken, ukrainische Orthodoxe und jiddischsprechende Juden lebten in der Provinz nebeneinander. Deutsche Siedler beider Konfessionen standen in der Minderheit. Ein Foto mit vier deutschen, ukrainischen, polnischen und jüdischen Kleinkindern in einem Korbwagen (Bildseite XVII) versinnbildlicht das Zusammenleben, im Falle Zöcklers in Stanislau ein friedliches, doch ein in der nationalen und konfessionellen Gemengelage zu behauptendes Gut. Nach den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts, vor allem nach 1945, steht die Erinnerung an das kirchlich-diakonische Werk Zöcklers nach der politischen Wende des Jahres 1989 wieder in öffentlichem Ansehen. Das beweist nicht nur ein Denkmal, sondern auch die Rückbenennung der in sowjetischer Zeit Byl Rosimowskowo genannten Zöcklerstraße (Bildseite IX).
 
Im Jahre 1891 hatte eine dänische Judenmission Zöckler nach Galizien entsandt. Die Not der Diaspora ging mit einem kaum vorstellbaren Elend einher. Dieses war in Galizien weniger Folge der Industrialisierung. Es hatte weite Kreise der Landbevölkerung erfasst. Die Hilfe wohlhabender Geschäftsleute vor Ort, vor allem Georg von Kaufmanns, kombiniert mit dem genialen Sammeltalent Zöcklers, ließ schließlich ein Sozial- und Bildungswerk erstehen, das rasch zum „Bethel des Ostens“ aufgestiegen ist. Zöckler brillierte mit seinem Verhandlungstalent bei Behörden und seinem gewinnenden Umgang mit den politischen und konfessionellen Gruppen. Die Evakuierung zu Beginn des Ersten Weltkrieges nach Gallneukirchen war eine organisatorische Meisterleistung, genauso die Rückführung; erst die „Spanische Grippe“ des Hungerjahres 1917 forderte Todesopfer unter den Schutzbefohlenen. Für die Glaubenszuversicht Zöcklers steht die Einweihung des Hauses „Bethanien“ am 3.11.1918, dem Tage der Kapitulation der Monarchie.
 

Der Optimismus biblischen Glaubens hielt Zöckler aufrecht. Zöckler erwarb das Vertrauen der westukrainischen provisorischen Regierung. Die Anstalten blieben unangetastet, war doch die Kindernot in nicht gekannte Höhen gestiegen. Ein evangelisches Gymnasium in Stanislau entstand im isolierten Land ohne Verbindung nach Wien oder Berlin. Der Sieg der Polen im Mai 1919 brachte keine grundlegende Bedrohung. Nicht nur vor Warschau, auch in den nahen Wäldern wurden die Russen geschlagen. Zwei Vortragsreisen Lillie Zöcklers in die Schweiz verbesserten nicht nur die Versorgungslage, sondern begründeten die verzweigte publizistische Begleitung der Anstaltsarbeit. In alten österreichischen Eisenbahnwagen, an einen Schweizer Militärzug zur Rückführung von Tschechen und Polen aus Rußland angekoppelt, kam Lillie Zöckler aus der Schweiz zurück.

 

Herr von Kaufmann vermittelte 1919 Hilfe aus England und Amerika zur Überwindung der ärgsten Not. Zöckler fand Erholung in Tatarow, seinem „Patmos“ in den Karpaten. Neue Aufgaben warteten, vor allem die Superintendentur der eigenständigen Kirche A. und H. B. in Galizien mit 18 Pfarreien. Zöcklers Kirche stand im polnischen Staat zwischen der Posener unierten Kirche des Superintendenten Blau, dessen Anschluss an Berlin sich bei den Behörden so wenig durchsetzen vermochte wie Juliusz Bursches polnisches Christentum bei 4/5 Deutschen im Warschauer Konsistorium. Nathan Söderblom versuchte im März 1921 unter den Protestanten Polens zu vermitteln, mit mäßigem Erfolg. In Kattowitz trat Zöckler 1924 für einen Protestantischen Kirchenbund in Polen ein. Polnische Gemeindeglieder in Lemberg beargwöhnten Zöckler als deutschen Agitator. Doch ein polnischer Pater in Lemberg sah in Zöckler eher einen protestantischen Papst mit künftiger Residenz in Wien (210-213). Erst 1932 wurde die Tendenz der polnischen Gemeinden zur Abspaltung durch ein Machtwort Bursches abgewiesen. Anhänger der ukrainisch-evangelischen Bewegung (nach Lillie Zöckler etwa 40.000 Personen, 221), darunter konvertierte ukrainische Pfarrer, gingen unter das Dach der Kirche Zöcklers. Als Konvertiten behielten sie ihre vertraute Liturgie. Doch unter dem Einfluss amerikanischer Presbyterianer (Crath) war die Einheit bedroht, presbyterianische und ukrainische Elemente standen sich gegenüber (233ff.). 1937 gelang Crath die Spaltung und Angliederung an die polnische Reformierten.

 1923 bedrohten neue Schulgesetze der Regierung das Zöcklersche Schulwesen und führte zur Zwangsentlassung der jüdischen und katholischen Schüler. Tochter Lotti fand damals Aufnahme bei den Ursulinerinnen in Kolomea und bestand dort ihr Abitur. Ostern 1924 erwirkte Zöckler für eine von ihm mitgeführte Fabrik für landwirtschaftliche Maschinen Hilfe vom Deutschen Evangelischen Kirchenbund. Weiteres Kapital brachten Freunde, das GAW und der VdA auf. „Von der Hand in den Mund“ sind die Zeilen überschrieben, die von Zöcklers wichtigster Arbeit, den verästelten Bedingungen des Unterrichtens, einen plastischen Eindruck geben (238-242).

Der Nationalsozialismus polarisierte die galizische Kirche. Zöckler hatte als einstiger Judenmissionar und Hebraist sofort öffentlich gegen die Deutschen Christen und die Ablösung des Schriftprinzips und die Vermengung des Glaubens mit rassistischem Gedankengut Stellung bezogen. Sein einstiger Freund Dr. Georg Faust war 1932 nach Deutschland gegangen und hatte sich den DC angeschlossen. Zöckler fand dafür kein Verständnis. Er verwies auf seinen halbjüdischen Lehrer Franz Delitzsch und die Mitarbeiter jüdischer Abstammung. Mali Halpern, Mitarbeiterin von Anfang an, wurde mit Zöcklers Hilfe 1940 zuerst evakuiert, starb aber nach Verrat 1942 in Ausschwitz.
 

Im deutsch-polnischen Gegensatz drohte die kleine Kirche zerrieben zu werden: 1936 brachte die deutsche Devisensperre ernste Not. Doch GAW und kirchliches Außenamt erlangten Sondergenehmigungen für Spendentransfers. Herr von Kaufmann und schließlich sogar Hermann Göring förderten Sarepta mit namhaften Summen. 1937 explodierte die Lage, als Bursche vom Staat zum Bischof aller Evangelischen erhoben wurde, deutsche Pastoren wie Dr. Alfred Kleindienst (1893-1978) ausgewiesen wurden und in Oberschlesien an die Stelle des Superintendenten Hermann Voß (nicht: Voss; 1873-1938; Nachfolger Dr. Oskar Wagner, (1906-1989, Nachfahre einer pfälzischen Familie, geb. in Hartfeld) ein vom Wojewoden ernannter Rechtsanwalt trat.

 

Die Ukrainer in den Gemeinden hielten treu zu Zöckler, wenn auch einige Funktionäre mit Warschau sympathisierten. Am 3.9.1939 lagen Ukrainer und Deutsche gemeinsam im polnischen Gefängnis. Mit übelsten Verbrechen haben sich Angehörige der einzelnen Volksgruppen schuldig gemacht (Tagebücher 267ff.). Den Evakuierten blieb 1940 nicht mehr als 50 kg Handgepäck pro Person. Im Warthegau wurden sie beschämt Zeugen der verbrecherischen Vertreibungspolitik der NS-Ideologie und bald ihr Opfer. Kirchenfeindliche Bestimmungen unterdrückten das religiöse Leben und drohten die geistig-geistliche Überlieferung der Galizier auszulöschen (278ff.). In Wolfshagen bei Wissek/Westpreußen (ein staatliches Krüppelheim von 1910 stand zuvor zeitweilig unter der Leitung einer im Geiste Mathilde Ludendorffs arbeitenden Oberin und der NSV) und im östlich gelegenen Bromberg konnte eine diakonische Arbeit fortgesetzt werden. 1943 feierte das Ehepaar Zöckler in Lissa, dem Wohnort einer Tochter, die Goldene Hochzeit. Zöckler vertiefte sich hier in das Werk Albert Schweitzers. Noch einmal besuchten die Eheleute Stanislau und trafen auf Landsleute, ehe sie über Berlin und Dessau nach Stade gelangten. Hier starb Theodor 1949. Lilli wurde 94 Jahre alt und starb im Diakonissenmutterhaus Göttingen (294).

Der Vf. Zöckler entreißt das erstaunlich facettenreiche Lebenswerk seiner Großeltern der Vergessenheit (der Beitrag Lillie Zöcklers ist nicht zu unterschätzen). Der Historiker aber vermisst ein Literaturverzeichnis. Das schmälert die wissenschaftliche Nutzung. Ein noch so bescheidenes Verzeichnis hätte den Verzicht auf Nachweise im Apparat kompensiert. Der Rez. kann aus den letzten 20 Jahren nur einige Beiträge aus der Feder von Experten wie Erich Müller, Rudolf Mohr, Isabel Röskau-Rydel und Maria Klanska neben Vorarbeiten des Vf. (z. B. Ein Leben für die Kinder (Bergisch-Gladbach 2005) nennen, dazu das sechsbändige „Heimatbuch der Galiziendeutschen“ (1967-2002).

Die Recherchen des Rez. ergeben, dass das bislang beim Institut für Pfälzische Geschichte in Kaiserslautern untergebrachte Archiv der Galziendeutschen im Mai 2011 nach Herne in Westfalen verlegt wurde, eine Konzentration des Überlieferungs- und Forschungsbestandes. Im Buch selbst fehlen Archivangaben, darum sei hier ergänzt: Beim Einmarsch der Russen in Stanislau ging das umfangreiche Archiv der Anstalten verloren. Der Vf. selbst hat rd. 5000 Briefe seines Großvaters in sieben Bänden geordnet und im Jahre 2005 unter dem Titel Ein Leben für die Kinder herausgegeben (inzwischen vergriffen). Er selbst hat das vierbändige Fundamentalwerk Geschichte der evangelischen Diaspora und der deutschen Minderheit in Galizien aus der Sicht von Theodor Zöckler veröffentlicht, 2010 in Stuttgart in zweiter Auflage erschienen. Es war sicher ein Vorteil, dass der Vf. bis die Stanislauer Anstalten bis 1935 aus eigener Anschauung noch selbst gekannt hat und noch den meisten Personen im Umfeld seines Großvaters begegnet ist. Im vorliegenden Buch fällt die historische Einordnung bisweilen schwer, wenn nach dem Bericht über den katholisch-polnischen und protestantisch-ukrainischen Gegensatz vom Versiegen der amerikanischen Hilfe die Rede ist (221f.). Die Notiz über unerwartete Schecks des GAW und aus der Schweiz legt einen Zeitpunkt vor 1929 nahe. Misslich sind Versehen wie „Ermelland“ 24 für das Ermland, 145 der „Schliefenplan“, der auf General Schlieffen zurückgeht, oder 294 Iwanow-Frankisk, sonst richtig Iwano-F. Die Bilddokumente bereichern das Buch. Zöcklers Lied „Gott hört Gebet“ von 1906 wäre den Abdruck wert gewesen. 133 steht der beachtliche Ausdruck „ein sehr jugendlicher Greis“.

Die wissenschaftliche Analyse der Arbeit Zöcklers bleibt ein Desiderat. Die Beobachtungen des Rez. wollen das Buch nicht schmälern, sondern zur Weiterarbeit anregen. In Herne hat sich eine zentrale Forschungsstätte etabliert. Es bleibt das Verdienst des Autors und des Gustav-Adolf-Werkes, seines vormaligen Generalsekretärs Hans Schmidt und des amtierenden Enno Haaks, die Erinnerung an Theodor Zöckler belebt zu haben, hundert Jahre nach dem Aufblühen und 70 Jahre nach dem Ende in Iwano-Frankisk. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B., gibt im Vorwart das Geleit. Wären noch die Erinnerungen des Wiener Oberkirchenrates Jakob Wolfer (1911-1984) zu ergänzen, 1934 Lehrvikar der Zöcklerschen Anstalten, Pfarrer im galizischen Hartfeld, ab 1940 Seelsorger in Wien-Währing: http://www.wunderbar-media.at/wolfer/Wolfer_Familienmitglieder_01.html.

Abschließende Beobachtung des Rez.: Eine Tagung der Galizier in Lambrecht vor zehn Jahren war bewegend. Die Teilnehmer, noch in pfälzisch-galizischen Dörfern wie in Dornfeld oder Ugartsthal aufgewachsen, parlierten in den Sprachen ihrer Jugend: zuhause deutsch, auf der Straße jiddisch, in der Schule polnisch, und sie sangen die ihnen geläufigen Volkslieder der unserem Horizont entschwundenen Landschaft Galizien.                      Friedhelm Hans